Arbeiten,wo andere Ferien machen
Ich erinnere mich noch wie wenns gestern gewesen wäre an das Stelleninserat im «Tagesanzeiger». Damals war der «Tagi» die erste und beste Anlaufstelle und hatte jeweils an zwei (?) Wochentagen eine dicke Beilage namens Stellenanzeiger. Adecco suchte einen erfahrenen Elektromonteur für einen Job in Rom.
Und so beginnt mein Italienabenteuer, im Frühling 1995. Für den Rom-Job hatte ich gute Karten. Auslandmontageerfahrung in Nordafrika, sowie (mässige) Italienischkenntnisse , und last but not least war ich damals «im besten Alter». Was immer das auch bedeuten mag…
Nach einigen Wochen und einer Einführung bei THOMCAST, unserem Auftraggeber in Turgi war dann unsere kleine Gruppe ,bestehend aus Remo, dem Montageleiter, Roli der Jung-Stromer, sowie Massimo und Sebastian die beiden Metallbauer/Schlosser und mir unterwegs mit dem Kombi, Richtung Süden.
Die Gegend um Rom ist wunderschön und hat nicht nur geschichtlich einiges zu bieten. Die rote Markierung zeigt die Lage der Mittelwellenstation Santa Palomba der RAI.; ca.20km südlich der Metropole.
Thomcast AG
Die Thomcast AG mit Sitz in Turgi (Schweiz) entstand aus der Übernahme der Senderabteilung der ABB (Asea Brown Boveri) durch den französischen Konzern Thomson-CSF im Jahr 1993. Die Schweizer Ingenieure in Turgi waren weltweit führend im Bau von MW- und LW-Grosssendern. (Später firmierte das Unternehmen unter Thales Broadcast & Multimedia.)
Die Station
So eine Grosssendeanlage ist von Aussen betrachtet viel spektakulärer, wie sich bald herausstellte. Die grosse Senderhalle wirkt nüchtern und abweisend,irgendwie. Dabei waren wir doch so gespannt, wie die Radioprogramme gemacht werden; aber wo sind bloss die Mikrofone, Bandmaschinen und all das andere Audioequipment…? Bald lernten wir , dass das Signal via Richtstrahl , oder via Telefonleitung die Station erreicht und dann hier verstärkt und ausgestrahlt wird.
«Roma Due» wie die Anlage von den Einheimischen genannt wurde wird von Militär und Carabiniere bewacht; das ganze Gelände ist mit Stacheldraht umzäunt . Es war die Zeit des Mafia-Terrors gegen den Staat und die Kirche. Man war auf der Hut!
Die Mittelwellen-Sendeanlage der RAI in Santa Palomba (nahe Pavona/Pomezia) ist eine ehemals historisch bedeutsame Station.Sie wurde 1929 in Betrieb genommen.Die höchste der Sendeantennen mass 186m.
molto lavoro....."läuft!"
Wir hatten «gut zu tun» auf der Station! Unser Wochenpensum betrug damals 55 Std…Rückblickend frage ich mich, wie wir, unsere kleine Gruppe, trotzdem Zeit und Energie aufbringen konnten für unsere regelmässigen Exkursionen im und ums nächtliche Rom. Aber das wären dann andere Geschichten, welche man vielleicht an anderer Stelle erzählen könnte…
Der Job als solcher war extrem abwechslungsreich und interessant. Wir (zwei) Stromer hatten nicht nur mit der internen Verkabelung der Senderblöcke («Kisten» ähnlich Seecontainern) zu tun, sondern wurden auch mit der Installation der gesamten Infrastruktur betraut. Und so kam es, dass auch viel Neuland betreten wurde. Vom 5kv-Anschluss bis zur feinsten Glasfaserleitung war so ziemlich alles anzuschliessen und zu installieren.
Spannende Momente erlebte ich auch immer wieder wenn es darum ging, spezielle Materialien vor Ort zu beschaffen. Unterwegs mit dem Kombi im verkehrschaotischen Rom auf der Suche nach der «Hilti»-Vertretung, oder dem Personal beim Elektrogrossisten klar machen was man wollte… Weder Navi noch Internet war vorhanden damals. Aber wir habens überlebt:-)
Die Tech Specs der Thomcast Modernisierung
Thomcast (hervorgegangen aus der Sender-Sparte der ABB) installierte eine völlig neue Generation von Hochleistungssendern, die auf maximale Effizienz und Reichweite ausgelegt waren:
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Sendeleistung: Der Hauptsender für die Frequenz 846 kHz (Rai Radio 2) wurde für eine Dauerleistung von 1.200 kW konzipiert. Es gab Berichte über Versuche oder Auslegungen bis zu 1.500 kW, was ihn zu einem der stärksten Mittelwellensender weltweit gemacht hätte.
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Sendertechnologie: Eingesetzt wurden PDM-modulierte Sender (Pulse Duration Modulation). Diese Technik erlaubte einen Wirkungsgrad von über 80 %, was bei diesen Leistungsklassen enorme Stromeinsparungen gegenüber alten Röhrensendern bedeutete.
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Antennen-Konfiguration:
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186-Meter-Gittermast: Dieser wurde speziell für 846 kHz optimiert. Er besaß zwei separat speisbare Reusenantennen-Systeme, um die Bodenwelle zu verstärken und die Steilstrahlung (Schwundminderung) zu kontrollieren.
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116-Meter-Masten: Ein System aus drei Masten wurde für die Frequenz 1.332 kHz (Rai Radio 1) mit einer Leistung von 600 kW genutzt.
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Digitale Vorbereitung: Die Sender waren bereits so modern, dass sie später für erste Tests im digitalen Standard DRM (Digital Radio Mondiale) genutzt werden konnten (mit reduzierter Leistung von 25 kW ab 2008).
Mieten Sie mich!
Genau. Man kann mich mieten für Dies und Das! Ich bin gelernter Elektromonteur im «Unruhestand» und stehe Ihnen gerne Std/Tageweise zur Verfügung. Auch für Nicht-Elektrisches.
Details zu den Erneuerungsarbeiten (1995–1996)
- Technologie: Es handelte sich um volltransistorisierte (Solid-State) oder hocheffiziente PDM-modulierte Sender (Pulse Duration Modulation), die im Vergleich zu den alten Röhrensendern einen deutlich höheren Wirkungsgrad und eine bessere Audioqualität boten.
- Ziel der Modernisierung: Die RAI wollte sicherstellen, dass die Programme (insbesondere das Notturno Italiano) nachts in ganz Europa, Nordafrika und im Nahen Osten in exzellenter Qualität empfangbar waren.
Die T7-Serie , das "Gelbe vom Ei"
Die T7-Reihe wurde in den 90ern zum Inbegriff für Zuverlässigkeit im Mittel- und Kurzwellenbereich.
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Modularer Aufbau: Erstmals wurden Sender konsequent aus identischen Leistungsmodulen (Power Blocks) aufgebaut. Fiel ein Modul aus, lief der Sender mit reduzierter Leistung weiter – ein Prinzip, das die S7HP NEO heute perfektioniert hat.
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Wirkungsgrad: Während alte Röhrensender oft nur 50–60 % Effizienz erreichten, knackte die T7-Serie durch die Transistortechnik die 80 %-Marke.
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Kühlung: Man setzte massiv auf effiziente Luftkühlung, was die Wartungskosten im Vergleich zu wassergekühlten Systemen drastisch senkte.
2. Der Übergang von Röhre zu Halbleiter
In den 90ern fand der entscheidende Wechsel statt:
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Voll-Halbleiter (Solid State): Thomson ersetzte die grossen Senderöhren durch hunderte kleine Transistoren.
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Vorteil: Keine gefährlichen Hochspannungen (über 10 kV) mehr im Gehäuse, was den Betrieb sicherer machte.
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Glasfaser-Einsatz: Wie bereits erwähnt, nutzte Thomson schon in der T7-Serie Lichtwellenleiter, um die Steuersignale störungsfrei an die Leistungsendstufen zu verteilen, da die elektromagnetischen Felder im Inneren eines 500 kW-Senders jedes Kupferkabel «stören» würden.
3. PDM-Modulation (Pulse Duration Modulation)
Thomson war führend in der Verfeinerung der Schrittmacher-Modulation. Das ist ein digitales Verfahren, um das Audiosignal hocheffizient auf die Trägerwelle aufzumodulieren. Die T7-Serie nutzte diese Technik so präzise, dass die Audioqualität im MW-Bereich fast an UKW heranreichte.
Vergleich: T7 (90er) vs. S7HP NEO (Heute)
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Merkmal |
T7-Serie (1990er) |
S7HP NEO (Heute) |
|---|---|---|
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Bauteile |
Silizium-Transistoren |
SiC (Siliziumkarbid) |
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Steuerung |
Analoge/Frühe digitale Logik |
Embedded PC / Touchscreen |
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Effizienz |
ca. 82 % |
bis zu 90 % |
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Grösse |
Mehrere Schrankreihen |
Kompakte Single-Rack-Lösung |
Die T7-Sender waren so robust gebaut, dass viele davon heute noch weltweit in Betrieb sind – oft wurden sie nachträglich mit DRM-Kits (Digital Radio) modernisiert, um sie fit für die heutige Zeit zu machen.
Elettrosmog? Ma dai!
Die Kollegen von RAI und unser kleines Team von Elektrikern und Metallbauer waren uns damal nicht wirklich bewusst, was passiert wenn «das Monster Vollgas bläst»…oder vielleicht wollten wir es auch nicht so genau wissen, hatten wir doch ein Super Arbeitsverhältnis untereinander und jede Menge Spass bei (und an) unserer anspruchsvollen Arbeit.
Und dennoch waren wir «mittendrin und nicht bloss dabei»…diese omipotenten elektromagnetischen Felder und die allgegenwärtigen Induktionsspannungen an losen Kabelenden ….der Radioempfang in der Hotel-Gegensprechanlage….leuchtende Fluoreszenzröhren auch bei «Licht Aus»….elektrisierende Metallhandläufe …
Elektrosmog? Das hatten wir damals geflissentlich «übersehen»….Nicht so, wie die Bewohner der umliegenden Gemeinden, wie sich schon ein paar Jahre später herausstellte.
Es zogen dunkle Wolken auf am Horizont …
Heutzutage hätte ich natürlich Handy- Fotos und Videos gepostet…meine wenigen analogen Fotos sind leider unauffindbar. Um einen Einblick in eine Senderumgebung zu erhalten schauen sie sich das Video des Sender Heusweiler, Deutschlands stärkster MW-Sender an. (YouTube-Link öffnet in neuem Fenster); sehenswert!
Das Ende naht
Ende der 1990er, anfangs der 2000er Jahre gab es erhebliche Proteste und juristische Auseinandersetzungen wegen Elektrosmog (inquinamento elettromagnetico).
- Belastung der Anwohner: Die Bewohner der umliegenden Wohngebiete in Santa Palomba sowie in den angrenzenden Gemeinden Pomezia und Albano Laziale klagten über massive gesundheitliche Beeinträchtigungen und technische Störungen durch die enormen Feldstärken.
Proteste und rechtliche Folgen
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Bürgerinitiativen: In den späten 90er Jahren formierten sich Komitees, die Messungen der elektromagnetischen Felder forderten. Die Ergebnisse zeigten oft eine Überschreitung der gesetzlichen Grenzwerte in den bewohnten Gebieten.
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Abschaltung 2002: Aufgrund des anhaltenden Drucks der Bevölkerung und gerichtlicher Anordnungen wegen der elektromagnetischen Umweltbelastung wurden die leistungsstärksten Sender im März 2002 abgeschaltet.
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Rückbau: Dies markierte einen wichtigen Sieg für die lokale Umweltbewegung, auch wenn die Masten teilweise noch jahrelang als weithin sichtbare Landmarken stehen blieben.
Heutige Situation
Während das Thema Elektrosmog durch den Grosssender weitgehend gelöst wurde, hat sich der Fokus der Bürgerproteste in Santa Palomba heute verschoben. Der aktuelle Widerstand richtet sich primär gegen den geplanten Bau einer riesigen Müllverbrennungsanlage (Termovalorizzatore), wobei die Bewohner erneut eine massive Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität und Gesundheit befürchten.
Was bleibt?
Natürlich viele,viele vorwiegend schöne Erinnerungen an die tollen Menschen und Orte, die ich während meiner Zeit in Italien kennenlernen durfte. Doch wie so oft im Leben verliert man sich irgendwann aus den Augen. Ich denke gerne an euch ;
Grazie a tutti voi !